Jedermannsrecht: hier sind die Fakten!

In noch nicht mal sechs Wochen ist Juhannus und damit der inoffizielle Startschuss für Urlauber mit dem Ziel Finnland! Endlich angekommen ist der Wohnwagen schnell geparkt, das Zelt aufgebaut, ein Feuer entfacht, die Angel in den See gehängt. Um zu vermeiden, dass dann ein wütender Finne vor einem steht, sollte man sich besser vorab fragen: Darf ich das überhaupt? Genau darum habe ich das viel zitierte Jedermannsrecht mal genauer unter die Lupe genommen!

 

Dem Ruf der Wildnis, der unbegrenzten Freiheit folgend und sich aufs Jedermannsrecht berufend, schlagen viele Camper in Finnland gerne an jeder x-beliebigen Stelle ihr Lager auf. Entzünden ein Feuer, sammeln Pilze und halten verträumt die Angel ins Wasser.

Aber ist das denn wirklich erlaubt? Die Antwort heißt eindeutig: JEIN! Daher kommen hier die Fakten!

 

 

Grundsätzliches

Das Jedermannsrecht von Finnland gibt jedem -also Einheimische, Ausländern, Touristen und sogar Schweden 😊- die Möglichkeit, sich frei in der finnischen Natur aufzuhalten und -wie es offiziell heißt- „die Gaben des Waldes“ zu nutzen.

 

Die Natur ist kostenfrei

Um sich in der Natur zu bewegen und die wild wachsende Beeren, Pilze und Pflanzen zu genießen benötigt man keine Genehmigung und muss auch keine Gebühr in irgendeiner Art entrichten.

 

Wo gilt das Jedermannsrecht

Das Jedermannsrecht gilt fast überall. Ausnahmen sind bestimmte Schutzgebiete oder Besitz, der sich in der öffentlichen Hand befindet. Dort stehen aber Schilder mit eindeutigen Symbolen.

 

 

Was darf man?

  • Wild wachsende Beeren, Pilze, Blumen und in der Regel auch „grasartige Pflanzen“ sammeln. Auch das Sammeln von Vogel- und Wacholderbeeren ist erlaubt.
  • Auf dem Boden liegende Zapfen oder trockenen Reisig einsammeln.
  • Sich zu Fuß, auf Skiern oder per Fahrrad in der Natur bewegen, ausgenommen auf kultiviertem Land (Felder und Pflanzungen) sowie in Hofbereichen.
  • Sich vorübergehend auf Privatgrund aufhalten und dort übernachten.
  • Mit einfachen Holzruten (keine Angel!) angeln.
  • Sich mit dem Boot auf Gewässern bewegen, in Gewässern schwimmen und sich waschen.

 

Das erlaubt -was viele oft nicht glauben können- auch das gewerbliche Sammeln von Beeren und Pilzen.

Aber: Wer beispielsweise als Guide regelmäßig Besucher an bestimmte Stellen führt und dort Heidelbeeren pflückt, sollte allein schon aus Höflichkeit und Respekt den Grundbesitzer um Erlaubnis fragen.

 

 

Was man nicht darf

  • Birkenrinde, Borke, Äste, Blätter, Harz, Baumsaft und Zapfen von lebenden und umgefallenen Bäumen nehmen (Birkenzweige für die Sauna also nur mit Erlaubnis!)
  • Auf Privatgrund Moos, Holz, Sträucher oder Torf einsammeln.
  • Gras mähen (wer auch immer das freiwillig auf einem fremden Grundstück macht!)
  • Bestellte Ackerflächen und Hofbereiche betreten und dort übernachten.
  • Auf Privatgrund offenes Feuer machen.
  • Die Umwelt verschmutzen.
  • Ohne entsprechende Genehmigung fischen bzw. angeln oder jagen.
  • Ohne Genehmigung des Grundbesitzers mit Motorfahrzeugen im Gelände fahren.

 

 

Zusätzliche (eigentlich selbstverständliche) Pflichten

Jeder hat die Pflicht, die Natur, in der er sich bewegt, zu schützen. Die Ruhe der Natur darf nicht gestört werden (lass‘ die Lautsprecher zuhause!). Nach dem Motto „Hinter lasse keine Spuren“ ist Abfall liegenzulassen oder der Natur Schaden in jeglicher Art zuzufügen unter Strafe verboten.

 

Grenzen des Jedermannsrechts

Wer sich in der Natur bewegt, muss bestimmte Regeln einhalten und sich an den „Hausfrieden“ halten. Selbstverständlich sammelt man nicht die Erdbeeren aus einem fremden Vorgarten, lagert nicht direkt an einem fremden Haus, nutzt nicht deren Sauna oder hängt die Wäsche an fremde Wäscheleinen.

 

 

Kein offizieller Mindestabstand

In welcher Entfernung von Gärten, Häusern oder Hofbereichen gesammelt oder campiert werden darf ist gesetzlich allerdings nicht vorgeschrieben. Als Faustregel gilt: nicht in unmittelbarer Nähe von Wohnungen oder Gärten bzw. Hofbereichen übernachten oder Pilze und Beeren sammeln. Man sollte immer einen angemessenen Abstand einhalten und sich außerhalb der Hör- und Sichtweite aufhalten.

 

First come, first serve!

Das Recht des Stärkeren gilt beim Jedermannsrecht nicht! Wenn mehrere Gruppen in der Natur auf einander treffen gibt es eine einfache Regel: Wer zuerst da war, darf bleiben. Wenn beispielsweise ein Jäger mit seinen Gefährten eine Treibjagd auf Elche begonnen hat, haben Beerensammler die Pflicht das betreffende Gebiet zu räumen. Wenn sich jedoch die Beerensammler schon vor der Jagdgesellschaft auf dem betreffenden Gebiet aufhalten, müssen die Jäger den Beerensammlern das Gebiet überlassen, Gewehr hin oder her.

 

Sonderregellungen für Nationalparks und Naturschutzgebiete

In Nationalparks, Naherholungsgebieten und Naturschutzgebieten ist das Jedermannsrecht eingeschränkt. Die Nutzung dieser Gebiete ist in den Umweltschutzverordnungen sowie in den Rechtsvorschriften des Umweltrechts gesondert geregelt und zu beachten.

 

 

 

Fazit

Das Jedermannsrecht in Finnland ist eine geniale Erfindung und funktioniert in der Regel völlig problemlos. Mit etwas Rücksichtnahme, sozialer Kompetenz und gegenseitigem Respekt sollte man keine Probleme haben und kann den Urlaub in vollen Zügen genießen.

 

Weitere Informationen

Wer noch unsicher ist oder Fragen hat, kann sich auf der Seite des finnischen Umweltministeriums informieren, dort gibt es ein sehr gutes PDF (auf Englisch). Hier ist der Link dazu:  Enviroment.fi

 

 

Übrigens

Ich bin Bloggerin. Keine Rechtsanwältin. Keine Behörde. Ich schreibe hier als Privatperson und gebe diese Auskunft nach besten Wissen und Gewissen. Es ist traurig, aber auch ich bin fehlbar und nicht allwissend.

 

Meine Quelle ist die Website des finnischen Umweltministeriums . Du kannst mich daher nicht verantwortlich machen, wenn du in Finnland Ärger bekommst!

 

 

Fotos © visitfinland

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