Vaivaisukot „Crowdfunding“ des 19. Jahrhunderts: Opferstockfiguren in Finnland

In einigen Ortschaften, hauptsächlich an der Westküste Finnlands, gibt es sehr beindruckende alte Holzfiguren. Was hat es mit diesen –Vaivaisukot genannten- Darstellungen auf sich?

Ein Gastbeitrag von Egbert Martins!

Wenig bekannt ist, dass es in Finnland – hauptsächlich an der Westküste – Orte gibt, in denen an den Kirchtürmen außen fast lebensgroße interessante Holzfiguren gibt. Immer sind Männer dargestellt, alle haben in der Brust einen kleinen Schlitz, ziemlich offensichtlich kann man hier Geld einwerfen, und viele von ihnen haben ein Holzbein. Habt ihr schon einmal irgendwo Figuren gesehen, die offensichtlich einen Behinderten darstellen?

Diese Herren mit Beinprothese sind gewöhnlich gut gekleidet, sie tragen eine Art Frack, vielleicht eine alte Offiziersuniform. Es gibt nur eine Frau in gleicher Funktion.

Nurmo, ein bittender Offizier mit Holzbein
Nurmo, ein bittender Offizier mit Holzbein
Was mögen diese Figuren für eine Bedeutung haben?

Es sind Opferstockfiguren. Die meisten sind im 19. Jahrhunderts geschaffen. Es gibt noch über Hundert davon. Aufgestellt wurden sie von den Kirchgemeinden. Ihre Aufgabe war, Geld zu sammeln für die zahlreichen Kranken und Armen in den Gemeinden. Damals kümmerte sich der Staat noch nicht um diese Bedürftigen und die Kirchen hatten natürlich in Notzeiten auch selten ausreichend Geld, um alle Gemeindeglieder in Not zu versorgen.

 

Vöyri, ein Soldat von echtem Schrot und Korn
Vöyri, ein Soldat von echtem Schrot und Korn

Besonders nach Kriegen, in denen es viele Versehrte gab, war die Not groß. Wohl deswegen gestaltete man die Sammelbüchsen als Invaliden. Da wusste jeder, wem er seine Spende gab. Behinderte konnten sich in den Orten, die fast nur von der Landwirtschaft lebten, nicht mehr selbst versorgen, sie waren besonders auf Spenden angewiesen.

Alle diese Figuren sind von örtlichen Handwerkern geschnitzt. Es gab keine Vorlagen, manch ein Schnitzer hat sich vielleicht nicht getraut, einen Mann mit Holzbein oder anderer Behinderung darzustellen. Er wollte einfach nur eine schöne Figur schaffen, Armut und Not gab es schon genug.

Sichtbare Zeichen für eine frühe Sozialfürsorge

Überraschend ist, dass es vergleichbare Opferstöcke in Europa sonst nirgends gibt. Finnland gehörte ja bis 1809 zu Schweden, aber solche Sammelbüchsenfiguren gibt es in Schweden praktisch nicht. Im übrigen Europa findet man sie auch nicht. Weil sie immer an den Kirchtürmen stehen oder vor Kirchen, könnte man sie für kirchliche Kunst halten, aber sie sind mehr: Sie sind sichtbare Zeichen für eine frühe Sozialfürsorge.

Luoto, ein einfache Soldat mit Vollbart
Luoto, ein einfacher Soldat mit Vollbart

Es sind Denkmale dafür, wie früher in Finnland die Unterstützung für Notleidende organisiert war. Sie sind auch Volkskunst, weil örtliche Handwerker, manchmal Zimmerleute oder auch nur vielseitig begabte Bauern sie geschaffen haben. Ausgebildete Bildhauer waren nicht beteiligt.

Fast alle Vaivaisukot stehen bis heute an ihrem ursprünglichen Platz
Soini, die einzige Frau
Soini, die einzige Frau

Die Holzfiguren stehen oft noch immer an der Kirchenmauer und tun dort ihr gutes Werk, inzwischen allerdings häufig für die Armen in der ganzen Welt. Die Gemeinden sind stolz, wenn bei ihnen noch solch eine historische Figur erhalten ist. In Museen findet man fast keine. Die Figuren werden allein von den Kirchgemeinden unterhalten, man ist nicht bereit, sie an ein Museum abzugeben. Selbst alte Figuren, die längst durch eine neue ersetzt wurden, weil sie während ihrer Arbeit durch Wind und Wetter zu unansehnlich geworden ist, werden noch als Rentner hochgeschätzt und an einem geeigneten Platz in der Kirche oder im Turm aufgestellt.

Ausstellungen, Briefmarke und Antrag auf UNESCO Weltkulturerbe
Lehtimäki, hier ist auch das gesicht eindrucksvoll
Lehtimäki, ein eindrucksvolles Gesicht!

In diesem Jahr gibt es bei den Volksmusikfestspielen in Kaustinen eine Fotoausstellung mit Bildern von vielen solcher in Finnland Vaivaisukko genannten Figuren, wo außer der Figur von Kaustinen auch eine kleine Zahl von Originalfiguren aus anderen Orten zu sehen sein werden.

 

Die Finnische Post ehrt die Opferstöcke mit einer Briefmarkenserie, die im September dieses Jahres herauskommt. Außerdem gibt es Bemühungen, die Vaivaisukot als Weltkulturerbe der UNESCO anerkennen zu lassen.

 

alle Briefmarken, Copyright Finnische Post
Die Briefmarkenserie der finnischen Post.

 

 

Ähtäri, Die Gesichter sind von besonderem Reiz
Ähtäri, die Gesichter sind von besonderem Reiz

 

Über den Gastautor:

Egbert Martins schätzt die finnischen Opferstockfiguren seit über 50 Jahren. Mit diesem Artikel und seinem Buch „Vaivaisukot-Opferstöcke in menschlicher Gestalt„, möchte er die wunderschönen Holzfiguren bekannter machen und neue Freunde für die Vaivaisukot gewinnen. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.

 

 

Für den Inhalt ist der Autor verantwortlich.

 

 

Titelbild 2
Kortsjärvi: Vaivaisukko am Turm neben dem Eingang zur Kirche

 

Fotos © Egbert Martins. Briefmarkenserie © Posti

 

 

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